Wie angekündigt war ich die letzten Tage in Berlin. Multi-Millionär und Erfolgstrainer T. Harv Eker hielt dort sein allererstes Seminar überhaupt in Deutschland, das Millionaire Mind Intensive. Da mein guter Kumpel und Geschäftspartner Tim mich dorthin eingeladen hat, konnte ich mir die Reise in die Hauptstadt natürlich nicht entgehen lassen. Ohne genau zu wissen, was mich dort erwartet, trat ich also den Weg nach Berlin an.
Vorab muss ich sagen: ich habe vor einigen Jahren Ekers Buch “So denken Millionäre” gelesen. Inhaltlich gut, aber mich haben die vielen Verweise auf seine Seminare gestört. Insgesamt enthält das Buch über 30 Mal den Hinweis darauf, wie toll doch die Seminare seien und wie wichtig es doch sei, dort teilzunehmen. Bei mir blieb das Gefühl zurück, nur “angeködert” worden zu sein, das wirkliche Wissen aber erst im Seminar zu erhalten. Trotzdem enthält das Buch gute Hinweise, wer es günstig bekommen kann, sollte es durchaus lesen.
Der Anfang
Das Seminar fand in einer Veranstaltungshalle statt. Ca. 1.300-1.400 (laut Aussage der Trainer) Personen nahmen teil. Die Tickets kosteten zwischen 99€ für die günstige Variante (ohne Übersetzung, normale Pläze) bis zu 400€ (inkl. Übersetzung und VIP-Package). Im Preis enthalten ist ein Workbook und ein DVD/CD-Paket. Vom Preis her also absolut in Ordnung. Mir war natürlich klar, dass wir damit rechnen mussten, dass das Seminar (auch) dem Abverkauf der weiteren Eker-Produkte dient. Ganz so blauäugig ist man dann ja doch nicht…
Pünktlich um 9 Uhr ging es also los. Die erste Stunde wurde von Ekers Trainer Marcus gestaltet. Es ging direkt sehr amerikanisch los, mit Gejubel, High Fives, Musik usw. Das erinnert stark an die Fernsehprediger in den USA, aber ok. Damit komme ich klar. Die Trainer lassen die Teilnehmer auch immer wieder einzelne Worte wiederholen. Als Grund dafür wurde der verbesserte Lerneffekt angegeben, der entsteht, wenn man die Lücken auffüllt und die letzten Worte selbst wiederholt. Klingt für mich einleuchtend.
Gegen 10 kam dann Eker persönlich auf die Bühne. Satin-Hemd bis fast zum Bauchnabel aufgeknöpft, dicke Goldkette, gegelte Haare. Aber trotz dieses Latino-Outfits sehr sympatisch, mitreissend, mit einem ansteckenden schelmischen Lachen. Auch Eker lässt die Teilnehmer ständig Worte wiederholen und holt sich die Bestätigung des Publikums ein (“Right or right?”, “Good or good?”).
Der erste Tag
Tag 1 war den eigenen Glaubenssätzen über Geld und Reichtum gewidmet. Durch das Vervollständigen von Sätzen wie “Money is…” oder “Rich people are…” findet man heraus, wie man eigentlich über Geld denkt. Diese Übungen fand ich sehr wertvoll, da auch für mich einige neue Erkenntnisse dabei herauskamen.
Im Laufe des Tages ging es auch mit dem Upselling los. Zuerst ein Buch, das zum absoluten Sonderpreis angeboten wurde und im Paket noch viel billiger. War auch ziemlich schnell ausverkauft. Mittags wurde dann das erste Seminar angepriesen (Mission 2 Millions). Der Pitch dafür dauerte ca. 30 Minuten, wenn ich mich recht erinnere und war hervorragend aufgezogen. Das Verkaufen haben die Jungs echt drauf.
Passives Einkommen
Schnell wird klar, worauf das Eker-System basiert: auf passivem Einkommen. Hier stimme ich mit ihm völlig überein. Das oberste Ziel auf dem Weg zum Reichtum muss das Schaffen passiver Einkommensströme sein, aus Business und Investments. Ohne wird es deutlich schwierigier und vor allem stressiger. Gut, das nochmal in Erinnerung gerufen zu bekommen, wenn auch nichts komplett Neues (für viele Teilnehmer aber offenbar schon).
Money Management
Der erste Höhepunkt des Tages 1 war die Einführung eines sehr einfachen Money Management Systems. Man teilt dabei das Geld in 6 Töpfe (bzw. Konten) auf: Financial Freedom Account, Long Term Savings and Spendings, Neccesities, Education, Play und Give. Alles, was man einnimmt, wird prozentual auf diese Töpfe aufgeteilt. So bewahrt man eine Balance, die für den langfristigen Erfolg sehr wichtig ist. Ein tolles Tool, das ich auf jeden Fall umsetzen werden.
Die Declarations
Im Laufe des Tages wurden zwei farbige Zettel verteilt, auf denen positive Affirmationen über Geld stehen. Diese wurden in den nächsten Tagen immer wieder gemeinsam aufgesagt. Auch das kann ich gut für mich mitnehmen, da mich die Sätze ansprechen und auf meine Situation passen.
Die Abendübung
Die Abendübung hat mich echt umgehauen. Ich möchte sie hier nicht im Einzelnen wiedergeben, um anderen, die den Kurs (trotz meiner warnenden Worte am Ende) vielleicht auch einmal besuchen möchten, den Effekt nicht zu verderben. Nur soviel: das war wirklich genial und hat mich emotional ziemlich aufgewühlt. Da ich daber zu den vielleicht 1% derjenigen gehört habe, die sich richtig entschieden hatten, nahm der Abend für mich noch ein gutes Ende. Übrigens: unser alter Bekannter Tobias Knoof und mein Kollege Tim Daugs waren ebenfalls unter den 1%, was mich besonders freut
Tag 2
Am nächsten Tag ging es dann los mit dem Ändern der Glaubenssätze. Durch verschiedene Methoden, die ich teilweise auch schon hier im Blog beschrieben habe, können negative Glaubenssätze abgelegt und durch positive ersetzt werden. Auch Hypnose- und NLP-Techniken wurden dabei stark eingesetzt.
Ganz besonders wichtig war auch die Frage, warum man eigentlich reich werden will. Einfach nur um des Reichwerdens Willen, das wird nix. Gar nicht so einfach, die Frage genau zu beantworten. Eker schlägt vor: wegen des Lifestyles, um anderen zu helfen und wegen der Persönlichkeitsentwicklung.
Lasset das Pitchen beginnen
Und so langsam schlägt meine Stimmung um. Denn am Tag 2 geht es richtig los mit dem Pitchen für die anderen Seminare. Gegen Mittag haut Eker richtig rein – über eine Stunde dauert der Pitch für sein Guerilla Business Marketing-Seminar. Handwerklich perfekt aufgebaut, aber mit m.E. sehr zweifelhaften Maßnahmen. Er baut in seine Vorträge sehr viele NLP-Anker ein, die er nun abruft.
Und genau damit habe ich ein Problem. Wenn er die Techniken nutzt, um eine positive Stimmung in der Gruppe aufzubauen und den Lerneffekt zu erhöhen, ist das super. Aber mittlerweile ist nicht mehr zu unterscheiden, was ein Pitch ist und was Content. Alles geht fließend ineinander über. Er schafft es, dass ihm die Leute sogar während der Verkaufsshow zujubeln. Er pusht die Leute immer wieder, heizt die Stimmung an. Mit Erfolg, die ersten rennen schon mit dem Geldbeutel in der Hand nach hinten, um sich einen der nur 50 reduzierten Seminarplätze (2.500€ statt 12.000€…) zu sichern…
Und er zieht wirklich alle Register. Vergleich seinen Kurs mit der Harvard Business School, spricht die Bibel an, betont, dass man spenden soll. Und spenden kann man nur, wenn man reich ist. Und reich wird man nur, wenn man die Folgeseminare besucht. Wer also Gutes tun will, muss das Seminar besuchen, so einfach ist das.
Die anderen werden einen als Helden ansehen, wenn man jetzt aufsteht und nach hinten geht. Wer wirklich ein Gewinner ist, bucht jetzt das Seminar. Hier trennt sich nämlich die Spreu vom Weizen, hier zeigt sich, wer es wirklich ernst meint usw. Die Parallelen zur Kaffeefahrt und zu gewissen sonstigen Veranstaltungen sind unverkennbar!
Eker schreckt auch nicht davor zurück, die Gruppe zu entzweien. Die, die sich anmelden, sind die wahren Gewinner. Die anderen werden es ohnehin nie schaffen. Moment mal, sollte man es nicht dank dem MMI-Seminar schon schaffen? Offenbar nicht…
Und so geht es weiter. Gegen Abend fängt der Pitch für das Internet-Marketing-Seminar an. Hier bietet Eker “fairerweise” an, dass diejenigen, die das nicht hören wollen, rausgehen können. Er sei da überhaupt nicht böse, absolut kein Problem. Als dann aber einige wirklich gehen (unter anderem auch Tim und ich), fangen seine negativen Suggestionen an. Hier sehe man, wer wirklich reich wird. Die, die jetzt gehen, meinen es ja nicht erst, werden es nie schaffen usw. Sorry, diesen Schuh ziehe ich mir nicht an!
Das hat mich dann auch richtig verägert. Warum wird hier mit diesem “Wir-Die”-Prinzip gearbeitet, das aus Sekten aller Art bekannt ist? Hat er das wirklich nötig? Muss er seine Seminare auf diese Weise verkaufen? Unterste Schublade, Herr Eker…
Das war auch der Grund, warum ich das Seminar an diesem Punkt für mich beendet habe. Ich kann nicht mehr unterscheiden, was wirklicher Inhalt ist und was nur zu Verkaufszwecken dient. Wenn er sagt “Was du beginnst, das bringe auch zu Ende. Gewinner tun alles entweder 0% oder 100%”, ist das dann eine essentielle Erfolgsregel oder dient das nur dazu, zu verhindern, dass die Leute während dem Pitch das Seminar verlassen (was ihn übrigens ziemlich sauer macht…). Wenn er mentale Denkweisen vermittelt oder betont, wie wichtig Weiterbildung ist, ist das dann zu unserm Besten oder dient das nur dem direkt daran anschließenden Pitch? Für mich war das leider nicht mehr zu erkennen, weshalb ich aus dem weiteren Seminar keinen Nutzen mehr gezogen hätte.
Generell habe ich mit Pitchen kein Problem, wenn
- es klar vom Seminarinhalt getrennt ist (z.B. am Ende eine Session mit “Wer noch mehr lernen möchte, der kann…”)
- es mit lauteren Methoden passiert (und nicht die erzeugte Gruppendynamik dafür missbraucht wird)
- es um ein wirklich Mehrwert bietendes Produkt geht.
Und gerade letzteres ist offenbar nicht der Fall. Im Internet sind zahllose Seminarberichte zu lesen, die davon berichten, dass die Follow Up-Seminare ebenfalls nur Verkaufsshows für die weiteren Seminare oder sogar das 40.000€ teure Quantum Leap Programm sind. Und da hört mein Verständnis auf. Wenn ich 8.000€ für ein Seminar zahle, erwarte ich verdammt nochmal alles zu erfahren, was der Trainer zu dem Thema zu sagen hat, und nicht nur einen groben Überblick und ein Bestellformular für die weiteren Seminare zu jedem Thema zu bekommen! Sorry, da gibt es in der Branche andere Namen, die wirklichen Mehrwert liefern (Brian Tracy, Jim Rohn, Tony Robbins etc.). Wie gesagt: Cross-Selling ja, aber bitte nicht so!
Leider habe ich den dritten Tag nun nicht mehr besucht. Ich habe mich Samstag abend entschlossen, meinen Flug umzubuchen und den Sonntag lieber zur Arbeit an meinen Websites zu nutzen. Es wäre sicher interessant gewesen, zu sehen, wie der dritte Tag weitergeht. Der erste Pitch war für ein 10-Euro-Produkt, der zweite knapp 1.000€, der dritte und vierte jeweils über 2.500€. Ob er am Sonntag wohl seine 50.000-Dollar-Trainerausbildung angeboten hat? Eine Steigerung muss auf jeden Fall dringewesen sein…
Die Teilnehmer
Interessant auch, wie sich die Teilnehmer zusammensetzen. Einen großen Teil bildet die Multi-Level-Marketing-Community. Im Vorbeigehen bekommt man so einige Verkaufsversuche mit. Offenbar rechnen sich viele Teilnehmer hier potenzielle Downline-Partner aus… Ansonsten ist die Gruppe bunt gemischt. Vom AWD-Finanzberater über den Tischler aus Magdeburg, der Reiki-Heilerin und den IT-Fachmann, bis hin zu nationalen Internetgrößen ist alles vertreten. Einige fallen meiner Meinung nach ganz klar unter die Kategorie “Spinner” (sorry, aber so ist es leider), andere sind durchaus sympatische Macher-Typen. Auch von den Einkommens- und Altersklassen scheint alles vertreten zu sein. Den Schwerpunkt bilden meines Erachtens aber Männer und Frauen mittleren Alters aus der “unteren bis oberen Mittelschicht”, wenn ich mal die übliche Klassifizierung heranziehen darf.
Die meisten werden es wohl leider trotz der Eker-Seminare nicht schaffen. Auch wenn ihnen dann im Internet-Marketing-Seminar ein passives 100.000€-Jahreseinkommen (das Ziel ist aber mindestens 1 Million im Monat!) ohne technische oder sonstige Fachkenntnisse versprochen wird: so einfach ist es auch mit Ekers “Geheimtipps” nicht. Aber für solche Aussagen wird man in der Gruppe natürlich beinahe gelyncht, als Loser und Negativdenker gebranntmarkt. Ich lasse mich natürlich gerne eines Besseren belehren.
Mein Fazit
Für mich hat sich die Teilnahme aus mehreren Gründen gelohnt:
- Ich habe einige interessante Persönlichkeiten kennen gelernt, zum Beispiel Alex S. Rusch oder Tobias Knoof
- Ich konnte mich ausführlich mit Tim austauschen, was mich immer wieder motiviert
- Einige Inhalte waren für mich sehr wertvoll (das Money Management System zum Beispiel setze ich gerade bereits um)
- Einige Glaubenssätze und Einflüsse konnte ich aufdecken und kann nun daran arbeiten
- Auch ein paar weitere Punkte in meiner Persönlichkeit konnte ich identifizieren, an denen ich arbeiten will
- Das Workbook wird mich weiter begleiten, das ist wirklich gut
- Die Affirmationen halte ich auch für wertvoll
- Ich habe einiges über Verkaufspsychologie und Massen-Hypnose gelernt und weiß, wie das auf mich wirkt
- Ich weiß auch, dass kollektives Massen-”Tschakka” nichts für mich ist
- Und ich weiß, wie ich mein Business NICHT führen will
Der wirkliche Inhalt des Seminares lässt sich auch an einem Vormittag vermitteln. Der Rest ist Stimmungsmache, Wiederholung und Verkaufseinlagen. Wer sich mit NLP und Hypnose auskennt, sich von diesen Techniken nicht beeinflussen lässt (was nicht möglich ist, wie ich selber an manchen Stellen gemerkt habe…) und die Kreditkarte zu Hause lässt, kann durchaus einige interessante Inhalte mitnehmen. Ob es allerdings 3 Tage (von morgens 9 bis abends um 23 Uhr) wert ist, weiß ich nicht.
Für viele begeisterte Teilnehmer wird das Fazit anders ausfallen. Die Kommentarfunktion steht gerne für abweichende oder auch zustimmende Meinungen offen.
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